“Unternehmen sollten für verschiedene Szenarien Pläne in der Schublade haben”

Ulf Weber, Unternehmensberater Schwärzer & Partner

Die Münchener Unternehmensberatung Schwärzer & Partner führt seit 2004 im Vierjahresabstand eine umfassende Sägewerksstudie in Deutschland durch. Der DeSH begleitet diese kooperierend. Ulf Weber betreut die Untersuchung federführend. Am 14. März stellt er die Ergebnisse der Sägewerksumfrage 2019 unter dem Titel “‘Klima’-Wandel auch in der Sägeindustrie?” vor.

Herr Weber, die Sägewerksstudie erhebt seit 2004 Daten, Einstellungen und Stimmungen. Wie lässt sich das Branchenklima beschreiben? Wie die aktuelle Wetterlage?

Bereits vor der Auswertung der Studie war klar, dass das Klima in der Branche aktuell recht freundlich ist. 2018 war für viele Betriebe ein gutes Jahr, in dem die Unternehmen meist auch ordentlich verdient haben. Diese gute Gesamtlage spiegelt sich auch in den Befragungsergebnissen wider. Lag die durchschnittliche Auslastung in Bezug auf die Soll-Kapazität in der vorherigen Version der Studie noch bei rund 76 Prozent, so hat sich der Wert bei den Teilnehmern der aktuellen Befragung auf über 80 Prozent erhöht – ein klares Indiz für eine gute Rundholzversorgung und Auftragslage.

Inwiefern hat sich das Klima in der Branche seit 2007 gewandelt?

Seit 2007 gab es, um im Bild zu bleiben, in der Sägeindustrie mehrere Wetterumschwünge. Zuerst kam 2008 direkt die Finanzkrise, die für viele Unternehmen drastische Auswirkungen hatte und zu massiven Überkapazitäten im Markt führte. Die nächsten Jahre waren dann von den “Aufräumarbeiten” nach der Krise geprägt, bevor sich die Lage langsam wieder besserte. 2016 ging es den Unternehmen schon ganz gut, sodass viele sogar eher mit einer Verschlechterung der Lage in einigen Bereichen gerechnet haben. Ich denke, dass die folgende Entwicklung bis 2018 dann sogar noch positiver war, als von vielen im Vorhinein erwartet. Aktuell herrscht wohl erstmal bei vielen Unternehmen Sonnenschein. Irgendwann wird aber auch der nächste Umschwung kommen, daher wird die Entwicklung der nächsten Jahre sicherlich spannend werden.

In der Studie 2016 plädierten Sie für Kapazitätsreduktion, Spezialisierung, höhere Wertschöpfung, Effizienzsteigerung und Digitalisierung. Sehen Sie in der aktuellen Auflage einen entsprechenden Impact?

Die Kapazitätsauslastung hat sich eher erhöht. Dabei könnte es natürlich durchaus sein, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass die Maximalkapazitäten reduziert wurden und von den Unternehmen weniger Leerkapazitäten vorgehalten werden. In unserem Beratungsalltag erleben wir aber, gerade bei unseren Kunden, eine deutliche Orientierung hin zu mehr Wertschöpfung bzw. Fokussierung auf einträgliche Geschäftsbereiche. Beim Thema Digitalisierung, dem kongressbezogenen Sonderthema der letzten Studie, hat sich scheinbar noch nicht viel getan. Auch bei den Teilnehmern der diesjährigen Studie können nur gut 40 Prozent überhaupt die Warenströme in ihren Unternehmen lückenlos in der EDV verfolgen – genauso viele wie vor vier Jahren.

Sie fragen die Umfrageteilnehmer gezielt nach gegenwärtigen und zukünftigen Risiken. Der Klimawandel gehörte bislang eher nicht dazu. Hat sich das geändert?

Dem Klimawandel und seinen Auswirkungen für die Sägeindustrie ist ja dieses Mal ein extra Teil der Befragung gewidmet, sodass hierauf ein deutlich stärkerer Fokus liegt als in der Vergangenheit. Auch zukünftig wird es dieses Thema wohl in die Liste der standardmäßig abgefragten Risiken schaffen, um zu verfolgen, wie sich die Sicht der Branche diesbezüglich entwickelt.

Mit dem Klimawandel häufen sich Wetterextreme und Kalamitäten, die den Markt durcheinanderwirbeln. Können Betriebe lernen, besser damit umzugehen? Müssen sie flexibler werden?

Auf jeden Fall kommen auf die Unternehmen ganz neue Herausforderungen zu, die weitreichende Auswirkungen auf die Branche haben werden. Flexibilität ist im Umgang mit kurzfristigen Verwerfungen ein wichtiger Punkt, allerdings darf man nie vergessen, dass Flexibilität nicht umsonst zu haben ist, sodass es für jedes Unternehmen gilt, den individuell passenden Mittelweg zu finden. Anstatt Krisenmanagement, das ja definitionsgemäß erst greift, wenn die Probleme schon da sind, gewinnt zunächst einmal das Thema Risikomanagement deutlich an Bedeutung. Die relevanten Risiken müssen erkannt und beobachtet werden. Dazu sollten die Unternehmen für verschiedene Szenarien zumindest schon grobe Pläne oder Überlegungen in der Schublade haben. Wenn man erst anfängt, über die passende Reaktion nachzudenken, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sind die Handlungsmöglichkeiten oft deutlich eingeschränkt und eine erfolgreiche Bewältigung der Krise wird schwieriger.

Die Situation der Säge- und Holzindustrie “im Klimawandel” ist paradox: Einerseits profitieren umwelt- und klimafreundliche Holzprodukte. Gleichzeitig ist die zugrunde liegende Rohstoffversorgung gefährdet. Chance oder Risiko? Wie bewerten die Unternehmen die Zukunft? Welche Prognose wagen Sie?

Das Paradoxon fängt ja hier schon bei der Einschätzung der Klimafreundlichkeit der Holzprodukte an. Während die einen Holz als klimafreundlichen Rohstoff loben, würden andere die Holznutzung lieber einschränken und mehr Flächen im Wald stilllegen. Welche Sicht sich schließlich durchsetzt, wird wesentlichen Einfluss darauf haben, ob das Pendel für die Sägeindustrie eher in Richtung Chance oder Risiko ausschlägt. Neben dem Image beim Verbraucher hängt ja auch die Bildung eines politischen Willens beim Gesetzgeber von dieser Weichenstellung ab, der dann wiederum die Rahmenbedingung für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte prägen kann.

Auf dem Kongress 2018 präsentierten Sie eine “Arbeitnehmerbefragung”. Darin spielten “soft facts”, also Themen wie Infrastruktur und Freizeit, eine bedeutende Rolle – gerade bei Studierenden. Das Kriterium “Umwelt- und klimafreundliches Unternehmen” kam darin (noch) nicht vor. Könnte sich das ändern? Lässt sich mit diesem Attribut um den Nachwuchs werben?

Wenn man sieht, dass es gerade die jüngeren Generationen sind, die derzeit wegen des Klimawandels auf die Straße gehen, könnte das durchaus ein interessanter Ansatz sein. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass sich die günstige der beiden Sichtweisen auf den Rohstoff Holz durchsetzt. Die klimafreundliche Jugend ist daher wohl nicht nur hinsichtlich des Fachkräftemangels eine wichtige Zielgruppe für die Vermarktung von Holz als klimafreundlicher Rohstoff der Zukunft.

 

Ulf Weber, Unternehmensberater Schwärzer & Partner