“Schlägt der Klimawandel voll zu, werden unsere Kulturlandschaften nicht wie bisher erhalten werden können”

ZDF-Chefmeteorologe Dr. Gunther Tiersch spricht auf dem diesjährigen Kongress der Säge- und Holzindustrie

2018 zeigte der Klimawandel sein Gesicht: Es war das wärmste Jahr in Deutschland seit Messbeginn, zudem eines der niederschlagsärmsten und sonnenreichsten. Die Auswirkungen auf die Landschaften waren unübersehbar. Einerseits wächst nun das gesellschaftliche Bewusstsein für eine nachhaltige und klimafreundliche Entwicklung, in der Holz als Bau-, Werk- und Verpackungsstoff hervorragende Lösungen bietet. Andererseits stellen der Klimawandel und Wetterextreme den Wald und somit die Rohholzversorgung vor große Probleme. Unter dem Motto “Holz im Klimawandel” möchten der AGR-Rohstoffgipfel und der Kongress der Säge- und Holzindustrie am 14. und 15. März 2019 in Berlin erörtern, wie die Branche im Spannungsfeld klimabedingter Herausforderungen und Chancen erfolgreich agieren kann. Vorab stellen wir einige Referenten und Diskutanten im Kurzinterview vor.

Dr. Gunther Tiersch, Leiter der ZDF-Wetterredaktion

Der Dipl. Meteorologe präsentiert seit über 30 Jahren das Wetter im Anschluss an die Hauptnachrichten des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Seit 2004 leitet er die dortige Wetterredaktion. Sein Team erstellt täglich bis zu 18 Wetterberichte. Vor seiner Fernsehkarriere promovierte Tiersch an der TU Berlin über die Bedeutung der Meteorologie für die Landwirtschaft. Als Steuermann des Deutschland-Achters gewann er 1968 Gold bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko.

Herr Tiersch, der Sommer 2018 war geprägt von Hitze, Dürre, Sonnenschein. Waren das noch Wetterextreme oder bereits Symptome einer neuen Klimanormalität?

In einem sich verändernden Klima sind Wetterextreme häufiger zu erwarten. Vergleicht man die 30-jährige Klimaperiode 1961-1990 mit den Jahren 1989 bis 2018 so leben wir bereits in einem anderen Klima: es ist in Deutschland schon 1,5 bis 2 Grad wärmer geworden. Wir erleben mehr Starkregenereignisse, andererseits auch mehr Dürreperioden wie im letzten Sommer.

Was ist meteorologisch derzeit ein Sommer nach Maß und wann werden die Werte angepasst?

Die internationale Klimaperiode 1961 bis 1990 ist immer noch unser Vergleichsmaßstab. Erst nach 2020 werden wir auf die neue Periode 1991 bis 2020 zurückgreifen. So waren die Sommer bei uns in der Vergangenheit eher mäßig warm und feucht: humides Klima, das vom Atlantik beeinflusst wird. Das ist die bisherige Normalität, die sich in den letzten 20 Jahren aber bereits verändert hat.

An den Referenzwerten gemessen liegt bereits der 22. zu heiße Sommer in Folge hinter uns. Einige heimische Baumarten leiden massiv darunter. Ist ein Ende dieses Trends realistisch? Auf welche Wetterlagen muss sich der Wald einstellen?

Es kann jederzeit wieder einmal einen normalen oder auch eher kühleren Sommer geben. Doch grundsätzlichen nehmen die warmen und eher trockenen Sommer zu. Aus den Klimamodellen und -vorhersagen der Internationalen UN-Klimabehörde (IPPC) wissen wir, dass Hitze- und Dürreperioden in Mitteleuropa häufiger werden. Die Winter werden milder und es wird von November bis März auch mehr regnen, was wir derzeit schon beobachten.

Ein bekanntes Bonmot besagt: “Alle reden vom Wetter, aber keiner unternimmt was dagegen.” Wie hoch sehen Sie den Anpassungsdruck der Land- und Forstwirtschaft, auf klimaresistentere und wetterstabilere Arten zu setzen?

Wir rechnen mit einer weiteren Temperaturerhöhung – weltweit und auch in Deutschland. Die Temperaturzunahme in den vergangenen 130 Jahren beträgt derzeit 1 Grad weltweit und 1,5 Grad in Deutschland. In den nächsten 50 Jahren wird es nach den Berechnungen nochmals 2 bis 3,5 Grad wärmer. Das sind jährliche Durchschnittswerte, die Deutschland klimatisch ans Mittelmeer verfrachten. Der Druck ist erheblich, auch für die Forstwirtschaft.

Im vergangenen Jahr wurden Wetter- bzw. Klimafolgen vielleicht sichtbarer als zuvor: Ernteausfälle, ausgetrocknete Flussbetten, Waldbrände, Schädlingsbefall. Alles symbolisch zusammengefasst auf einem Weltraum-Foto des Astronauten Alexander Gerst. Melden sich seitdem mehr besorgte Bürger bei Ihnen in der Redaktion?

Die Menschen sind sensibler für dieses Thema, reagieren aber häufig mit einem Halbwissen. Sie verwechseln weltweite Erwärmung mit regionaler Temperaturzunahme. In Deutschland war das letzte Jahr schon mehr als 2 Grad wärmer als normal, weltweit sind es nur etwa 1 Grad. Das 2-Grad-Ziel für eine maximale Erwärmung gilt weltweit und nicht nur für eine Region!

Anders als einst Agrargesellschaften, die direkt vom Wetter abhängig waren, tendiert die Dienstleistungsgesellschaft womöglich dazu, das Wetter primär freizeitorientiert zu betrachten. Am Ende geht es aber auch um den Erhalt traditionell gewachsener Kulturlandschaften samt ihrer Lebens- und Arbeitsräume. Sollten wir wieder anders übers Wetter zu reden?

Da wir immer mehr Extreme zu erwarten haben, wird das auch auf die Diskussion ums Wetter Einfluss haben. Schlägt der Klimawandel voll zu, mit Temperaturänderungen von 3 bis 4 Grad, dann werden unsere Kulturlandschaften sicher nicht wie bisher erhalten werden können. Deshalb ist die Eindämmung des Klimawandels erst mal wichtiger als die Anpassung. Andererseits müssen wir über die Verantwortung eines jeden Menschen bei Wetterextremen sprechen. Es gilt sich zu schützen. Wetter kann gefährlich sein, ob der Sturm im Wald, das Gewitter oder die Schneelawine in den Bergen.

Wie könnten die Zusammenhänge von Wetter und Klima besser vermittelt werden?

Der Überbringer schlechter Nachrichten wird… Vorhersagen, die eine Bedrohung unserer Lebensweise darstellen, werden gerne ignoriert. Wir Menschen wollen auch positive Nachrichten hören und einen Ausweg skizziert bekommen. Darin liegt die Schwierigkeit, ein Thema wie den Klimawandel und seine massiven Auswirkungen bewusst zu machen. Inzwischen haben wir in Deutschland ein hohes Bewusstsein für diese Bedrohung erreicht. Aber es muss viel mehr getan werden, um die gesellschaftlichen Verhältnisse bei uns und weltweit stabil zu halten. Dies gilt es im privaten wie im beruflichen Bereich zu vermitteln. Dabei sollten mögliche Auswege und Maßnahmen einfließen, die auch Hoffnung vermitteln.


Quelle: Copyright: ZDF/Svea Pietschmann