“Wo noch keine Krise ist, sollte man die Krise managen”

Frank Roselieb ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigator – Institut für Krisenforschung

Frank Roselieb (49) ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigator – Institut für Krisenforschung, ein “Spin-Off” der Universität Kiel und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V. (DGfKM), dem Berufsverband der Krisenmanager mit Sitz in Hamburg. Roselieb hält am 14. März den Impulsvortrag: Von Krisen und professionellem Krisenmanagement – Blick über den Tellerrand.

AGR: Herr Roselieb, sucht man in einer Tageszeitung nach dem Wort “Krise” wird man im Wirtschaftsteil genauso fündig wie im Politik- oder Sportteil: Konzerne, Parteien und Fußballvereine können gleichermaßen in einer stecken. Was kann, sollte und darf unter dem Begriff Krise verstanden werden?

Frank Roselieb: Beim Begriffsverständnis orientieren wir uns an einer EU-Verordnung aus dem Jahre 2002. Danach sind Krisen interne oder externe Ereignisse, durch die akute Gefahren drohen für Lebewesen, für die Umwelt, für die Vermögenswerte oder für die Reputation eines Unternehmens bzw. einer Institution. Unterschieden werden drei Arten von Krisen: Bilanzielle Krisen (“Pleiten”), kommunikative Krisen (“Skandale”) und operative Krisen (“Störungen”). Pro Jahr ereignen sich – je nach konjunktureller Lage – zwischen 20.000 und 40.000 bilanzielle Krisen (also Insolvenzen) sowie ca. 260 bis 280 (öffentlich gewordene) operative und kommunikative Krisen.

AGR: Das Krisennavigator – Institut für Krisenforschung widmet sich seit 1998 sowohl wissenschaftlich als auch beratend Krisen und ihrem Management. Nimmt die Anzahl an Krisen zu? Was sind die Gründe dafür oder handelt es sich um ein mediales Zerrbild?

Frank Roselieb: Wir führen – rückwirkend seit 1984 – die zentralen Krisenfalldatenbanken für die vier deutschsprachigen Länder Europas. In den mittlerweile rund 35 Jahren seit Erhebungsbeginn hat es zwei wesentliche Änderungen gegeben. Erstens ist zwar die Zahl der Krisenfälle pro Jahr recht konstant geblieben, aber es hat sich die Art der Krise verändert: weg von den operativen Krisenfällen hin zu den kommunikativen Krisenfällen. Bildlich gesprochen gibt es also immer weniger Flugzeugabstürze und Hotelbrände, aber immer mehr Medienskandale und Compliance-Fälle. Zweitens hat man sich – glücklicherweise – in der Krisenforschung vom sogenannten “Body Count” verabschiedet. Der makabere Grundsatz “viele Tote = Krisenfall”, “wenige Tote = kein Krisenfall” gilt also so nicht mehr. Das ist nicht zuletzt der Veränderung der Krisentypen geschuldet. Überspitzt formuliert: Früher starben die Menschen an gepanschtem Olivenöl. Heute regen sie sich über mangelnde Nachhaltigkeit von Olivenöl auf.

AGR: Lassen sich unterschiedliche Krisenformen kategorisieren? Wie sieht ein typischer Verlauf aus? Ist ein positiver Ausgang wahrscheinlich?

Frank Roselieb: In grober Vierteilung werden schleichende Krisen und Ad-hoc-Krisen sowie Unternehmenskrisen und Branchen-GAU unterschieden. Etwa vier von fünf Krisen treten ohne jede Vorwarnung auf, sind also ad-hoc. Man weiß zwar, dass es irgendwann passieren kann, aber nicht wann. Nur knapp 20 Prozent der Krisen kündigen sich durch “schwache Signale” im Vorfeld an – beispielsweise eine für das Geschäftsmodell negative Gesetzesänderung durch entsprechende Lesungen im Bundestag. Hier kann durch frühzeitiges “Themenmanagement” möglicherweise noch die eigentliche Krise verhindert werden. Bei einem Branchen-GAU sorgt das Fehlverhalten oder Problem eines Unternehmens für eine krisenhafte Entwicklung in der gesamten Branche, obwohl gar nicht alle Unternehmen betroffen sind (z.B. beim Glykol im Wein oder BSE im Rind). Etwas mehr als neun Prozent aller Krisenfälle in Deutschland fallen in diese Kategorie. Demgegenüber ist die Unternehmenskrise – als vorherrschender Krisentyp – meist auf ein Unternehmen beschränkt und muss nur von diesem allein bewältigt werden.

AGR: Das dringliche Thema des diesjährigen Rohstoffgipfels ist der Klimawandel. Wäre es angebrachter, von der “Klimakrise” zu sprechen, solange der Mensch noch Einfluss nehmen kann?

Frank Roselieb: Genau genommen müsste man vermutlich eher von einer “Klimakatastrophe” sprechen, denn die große, unattraktive Schwester der Krise ist stets die Katastrophe. Bei einer Krise ist – per definitionem – noch die Möglichkeit einer “Wende zum Besseren” gegeben. Bei einer Katastrophe (z.B. einem Erdbeben) ist der Schaden bereits unabwendbar eingetreten. Hier kann nur noch ein Wiederaufbau erfolgen. Wenn die aktuellen, möglicherweise auch empirisch belegbaren Entwicklungen – wie der mutmaßliche, kontinuierliche Anstieg des Meeresspiegels oder die angebliche Zunahme von schweren Unwetterlagen – sich tatsächlich und belegbar auf den Klimawandel zurückzuführen lassen, kann Krisenmanagement nur noch wenig ausrichten. Da hilft nur noch Katastrophenvorsorge. Überspitzt formuliert: Wer im Erdbebengebiet baut, kann nicht das Erdbeben verhindern, aber durch eine erdbebensichere Bauweise weitergehende Schäden an Mensch und Vermögen möglicherweise reduzieren.

AGR: Wie erfolgsversprechend ist das Motto “Wo Krise ist, muss Krise gemanagt werden”? Wann setzt professionelles Krisenmanagement ein? Wann kann nur noch reagiert werden?

Frank Roselieb: Krisen folgen üblicherweise vier Phasen: Zunächst passiert nichts. Man befindet sich in der sogenannten “potenziellen Krisenphase”. Wegen der Abwesenheit von Krisensignalen fehlt es meist aber auch an der nötigen Motivation, sich überhaupt mit der eigentlich notwendigen Krisenprävention zu beschäftigen. Mit viel Glück erwischt man noch eine schleichende Krise mit einer sogenannten “latenten Krisenphase”. Hier helfen Frühwarnsignale, drohendes Unheil rechtzeitig zu erkennen und ggf. Schlimmeres durch die Einleitung von Gegenmaßnahmen zu verhindern. Meistens hat man aber Pech und landet – wegen mangelnder oder ignorierter Frühwarnsignale bzw. fehlgeschlagener Krisenvermeidung – direkt in der sogenannten “akuten Krisenphase”. Dann bleiben nur noch der Feuerwehreinsatz und spätere Wiederaufbau. Spätestens in der sogenannten “Nachkrisenphase” sollte man sich dann Zeit nehmen, um aus der Krise zu lernen und seine Krisenprävention anzupassen. Wegen des stets drängenden Tagesgeschäfts unterbleibt dies aber oft. Im Ergebnis sollte das Motto also besser lauten: “Wo noch keine Krise ist, sollte man die Krise managen – also sich vorbereiten, schwache Signale rechtzeitig wahrnehmen und angemessen darauf reagieren”

AGR: Welche besonderen Voraussetzungen und Herausforderungen sehen Sie für Akteure in umweltsensiblen Bereichen wie der Holznutzung beim Krisenmanagement?

Frank Roselieb: Eigentlich sehr gute. Erstens lebt die Holzwirtschaft – ähnlich wie die Landwirtschaft – mitten im Klimawandel. Sie nehmen die Entwicklung viel früher und viel intensiver wahr als alle anderen Branchen. Der nötige Leidensdruck für eine nachhaltige Krisenprävention und -bewältigung ist also gegeben. Zweitens verfügt die Holzwirtschaft über ein beträchtliches Reputationspolster. Sie stehen auf der Seite der Guten, werden also eher als Opfer denn als Täter des Klimawandels gesehen. Bei einem Chemiewerk oder einem Automobilbauer ist das eher andersherum. Überspitzt formuliert: Greenpeace rettet gerne den “guten” Hambacher Forst, aber nie den “bösen” Energiekonzern, obwohl natürlich beide ihre Existenzberechtigung haben. Drittens stehen Sie am Anfang einer sehr langen Wertschöpfungskette. Sehr viele Akteure nutzen ihrer Produkte, haben also großes Interesse an der verlässlichen Verfügbarkeit ihrer Leistungen. Das sieht bei den Produzenten von Plastikbeuteln ganz anders aus. Genügend Mitstreiter beim Krisenmanagement – auch in nachgelagerten Branchen – sollten sich also finden lassen.

AGR: Welche Dynamik erhält eine Krise, wenn sie von den Medien und der Öffentlichkeit als solche wahrgenommen wird?

Frank Roselieb: Einerseits sorgt die mediale Wahrnehmung für eine Verstärkung der Bemühungen um eine Lösung. Medien verleihen Problemen ein zusammenfassendes “Label” – beispielsweise “Waldsterben” oder “MeToo”. Das schafft Aufmerksamkeit. Hierdurch wirkt so manches Problem aber auch größer als es eigentlich ist. Andererseits verstärkt die Wahrnehmung der Krise auch die Zahl falscher Freunde bzw. schlechter Krisenmanager. So nutzen Politiker Krisenfälle Dritter gerne zur Selbstprofilierung, ohne das eigentliche Problem zu lösen. “Agenda Surfing” oder “Loser Paradoxon” nennen wir das in der Krisenforschung. Legendär ist der medienwirksame “Rettungsauftritt” von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Balkon des Baukonzerns Philipp Holzmann. Letzterer ging dann wenig später doch Pleite. Bezogen auf den Klimawandel bedeutet dies eine klare Zweiteilung: Die Wirtschaftsakteure kümmern sich um eine Krisenbewältigung mit Augenmaß und ohne Panikmache. Die Politik sorgt für die nötigen Rahmenbedingungen – ohne öffentlichkeitswirksame Solidaritätsbekundungen ohne wirkliche Substanz.

AGR: Als eine Prämisse des Krisenmanagements gilt konsistentes Handeln und Kommunizieren. Lässt sich dieses Prinzip auf einen heterogenen Verbund wie die deutsche Forst- und Holzwirtschaft, bestehend aus staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren sowie Verbänden mit Sitzen an unterschiedlichen Orten, übertragen?

Frank Roselieb: Natürlich. Ihre Schwesterbranche, die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, macht es seit vielen Jahren vor. Beispielsweise haben wir im Nachgang zur BSE-Krise in den frühen 2000er Jahren für das stufenübergreifende QS-Prüfzeichen das komplette, branchenübergreifende Ereignis- und Krisenmanagementsystem für Fleisch und Futtermittel sowie Obst, Gemüse und Kartoffeln aufgebaut. Dieses wird bis heute sehr erfolgreich von der QS Qualität und Sicherheit GmbH in Bonn betrieben und umfasst mehr als 100.000 Betriebe – vom landwirtschaftlichen Betrieb über das Futtermittelwerk und die Wurstfabrik bis hin zu den Filialen des Lebensmitteleinzelhandels. In der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft hat man also einerseits die Notwendigkeit einer branchenübergreifenden Problemlösung erkannt und hält sich andererseits an die vereinbarten Spielregeln zur Krisenkommunikation und zum Krisenmanagement. Auch die Behörden begrüßen in der Regel diese Brancheninitiative – als wertvolle Ergänzung der staatlichen Lebensmittelüberwachung.

Frank Roselieb