Stadt als Ressource: “Die Kaskadennutzung von Holz ist eine riesige Chance, die bislang vernachlässigt wird”

Univ. Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt, Architektin BDA erhielt 2015 den Urban Mining Award, der herausragende Ideen, Konzepte und Strategien für die Kreislauf- und Rohstoffwirtschaft auszeichnet

Seit 2013 leitet Frau Prof. Hillebrandt den Lehrstuhl Baukonstruktion, Entwurf, Materialkunde an der Bergischen Universität Wuppertal. Als Planerin arbeitet sie mit Dipl.-Ing. Martin Schneider im Kölner Büro ms ah zusammen. Frau Prof. Hillebrandt ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). 2015 erhielt sie den Urban Mining Award, der herausragende Ideen, Konzepte und Strategien für die Kreislauf- und Rohstoffwirtschaft auszeichnet.

 Frau Prof. Hillebrandt, seit die Vorteile des Bauens mit Holz zunehmend Akzeptanz finden, wird mitunter die Sorge diskutiert, der zukünftige Materialbedarf könne nicht nachhaltig gedeckt werden. Bislang ist der Wald als Rohstoffquelle alternativlos. Warum muss das nicht so bleiben?

Das muss nicht so bleiben, wenn wir unser Altholz besser verwerten. In anderen europäischen Ländern ist beispielsweise der Altholzanteil in Holzwerkstoffen wesentlich höher als bei uns. Außerdem gibt es zu einigen holzbasierten Baustoffen gute, viel schneller wachsende Alternativen. Ich denke da an Wiesengras als Dämmung. Holz kann viel mehr und sollte entsprechend seiner Leistungsfähigkeit eingesetzt werden.

Welchen klimapolitischen und klimapraktischen Beitrag könnte eine verstärkte stoffliche Nutzung von Altholz leisten?

Wenn Holz aus nachhaltig kultiviertem Anbau stammt, ist der sogenannte “Closed-Loop”, also ein Recycling ohne Qualitätsverlust, gegeben. Sofern der Natur nicht mehr Holz entnommen wird, als nachwächst, wird es quasi nur als Baumaterial entliehen. Überall wo Holz CO2-intensive Baumaterialien ersetzt, trägt dies sofort zum Klimaschutz bei. Wenn es nach seiner ursprünglichen Nutzung weitere stoffliche Verwendung erfährt, ist der Kreislauf zudem nicht nur geschlossen, sondern mit einem Mehrwert verbunden. Die Kaskadennutzung von Holz ist eine riesige Chance, die bislang vernachlässigt wird.

90 Prozent der Bauabfälle in Deutschland werden laut Bundesumweltministerium derzeit stofflich wiederverwertet. Die Zahl klingt gut. Warum sollten wir das aber nicht uneingeschränkt “Recycling” nennen?

Leider wird noch nicht zwischen “Recycling” und “Downcycling” unterschieden. Die Zahlen sind daher täuschend. Ein echtes Recycling, also ein neues Produkt ausschließlich aus dem Stoff des alten herzustellen, ist mit dem überwiegenden Anteil unserer Bauabfälle – den mineralischen Baustoffen – kaum zu erreichen. Aus dem Abbruch einer Betonwand machen Sie ohne Hinzufügen von neuem Bindemittel, also Zement, keine neue Wand. Während sich die meisten Metalle bei sortenreiner Sammlung gut ohne großen Qualitätsverlust recyceln lassen.

Nach welchen Prinzipien muss gebaut werden, um die Potenziale des Urban Mining, also der Stadt als wiederverwertbares Rohstofflager, nutzen zu können?

Das Urban-Mining-Design in Kurzform heißt: Lösbare Verbindungsmittel, um einen direkten Re-Use zu ermöglichen. Schadstofffreiheit und Sortenreinheit der Materialien, um ein optimales Recycling vorzubereiten. Präferieren von “Closed-Loop-Materials”. Im Klartext: Vermeiden von Komposit-Baustoffen und Verklebungen unterschiedlicher Baustoffgruppen untereinander.

Welches Altholz könnte in Zukunft baulich genutzt werden? Wie müsste es aufgearbeitet werden?

Rückbau- und Recyclingunternehmen haben gegenwärtig große Schwierigkeiten, Altholz stofflich zu verwerten. Sie können nicht auf einen Blick abschätzen, ob es infolge chemischer Behandlung vielleicht Schadstoffe enthält. Daher wird aus Abbruchbaustellen kaum recycelt, sondern direkt energetisch weiterverwertet. Wenn man bei lackiertem oder behandeltem Holz aktuell sicher gehen will, benötigt man eine Überprüfung auf Schadstoffe. Das ist viel zu aufwendig und teuer.

Könnte die Aufbereitung und “Wartung” von Bauholz ein Zukunftsmarkt für die Sägeindustrie werden?

Vielleicht könnte man Schnelltests auf Schadstoffe entwickeln oder Maschinen so einstellen, dass sie die oberen Lackschichten von Profilen abhobeln und das Holz auf diesem Weg einer Wiederverwendung zugeführt werden kann.

Welche Möglichkeiten oder Herausforderungen ergeben sich, wenn bereits bei der Fertigung von Holzprodukten die Wiederverwendung berücksichtigt wird?

Wichtig ist, sich jetzt dafür einzusetzen, dass Holz als Baumaterial möglichst in naturbelassenem Zustand eingebaut werden kann. Für Architekten und Bauherren heißt dass, sich um konstruktiven Holzschutz zu bemühen und den chemischen Holzschutz zu vermeiden. Beschichtungen können entfallen, wenn Holz differenzierter und entsprechend seiner Leistungsfähigkeit eingesetzt wird.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt einige europäische Holzarten, die sehr dauerhaft gegenüber dem zerstörenden und vom Planer gefürchteten Pilzbefall sind. Wenn man nun an bestimmten Detailpunkten am Bau gelegentlich Tauwasserausfall in der Konstruktion befürchten muss, dann sollte dort ein Holz mit der entsprechenden Dauerhaftigkeitsklasse eingesetzt werden, anstatt es chemisch vor Befall zu schützen. Die Normen lassen das zu, es bedarf nur einer intensiveren Auseinandersetzung des Planers mit den Gegebenheiten und Herausforderungen.

Urban-Mining verfolgt die Prämisse des On-site-Recycling, also das Wiederverwerten an Ort und Stelle, um Transportwege und damit Emissionen zu vermeiden. Die Holzindustrie ist bislang überwiegend im ländlichen Raum angesiedelt. Wird sich diese Struktur verändern müssen?

Das wäre zielführend. Vielleicht mit mobilen Recyclinganlagen, wie sie für Gipskarton bereits in Dänemark im Einsatz sind.

Annette Hillebrandt Copyright Cornelis Gollhardt