“Jeder Mensch im Unternehmen weiß mindestens eine Sache, die alle anderen nicht wissen”

EU-Jugendbotschafter Ali Mahlodji eröffnet die 2. Karriereplattform der Säge- und Holzindustrie am 2. Kongresstag

2018 zeigte der Klimawandel sein Gesicht: Es war das wärmste Jahr in Deutschland seit Messbeginn, zudem eines der niederschlagsärmsten und sonnenreichsten. Die Auswirkungen auf die Landschaften waren unübersehbar. Einerseits wächst nun das gesellschaftliche Bewusstsein für eine nachhaltige und klimafreundliche Entwicklung, in der Holz als Bau-, Werk- und Verpackungsstoff hervorragende Lösungen bietet. Andererseits stellen der Klimawandel und Wetterextreme den Wald und somit die Rohholzversorgung vor große Probleme. Unter dem Motto “Holz im Klimawandel” möchten der AGR-Rohstoffgipfel und der Kongress der Säge- und Holzindustrie am 14. und 15. März 2019 in Berlin erörtern, wie die Branche im Spannungsfeld klimabedingter Herausforderungen und Chancen erfolgreich agieren kann. Vorab stellen wir einige Referentinnen und Referenten im Kurzinterview vor.

Ali Mahlodji, Gründer von whatchado.com und EU-Jugendbotschafter

Ali Mahlodji wurde 1981 in Teheran geboren. Zwei Jahre später flüchtete die Familie nach Österreich. Es entwickelt sich eine spannende Karriere: vom Schulabbrecher zum EU-Jugendbotschafter. Dazwischen über 40 verschiedene Jobs. 2012 gründete Mahlodji die Internetplattform whatchado. Mit ihr gibt er Jugendlichen die Berufsorientierung, die er sich selbst gewünscht hat. Seit 2018 ist Mahlodji Trendforscher beim Zukunftsinstitut und Autor des Work Report. Er spricht am 15. März zum Thema “Die Arbeitswelt von heute und morgen: Schnittstellen zwischen Bewerbern und Unternehmen finden”

Herr Mahlodji, wäre es besser, wir würden dieses Gespräch als Video-Interview führen? Welche Vorteile hätte das?

Nichts ist so wunderbar wie ein echtes Gespräch zwischen Menschen. Denn darin geht es nicht nur um den Informationsaustausch – das geht inzwischen auch einfach per E-Mail. Es geht eher darum, wie wir in Kommunikation treten, wie wir uns begegnen. Dazu gehört die Stimme, die Tonlage, die Mimik und die Körperhaltung. Das Wunderbare am Video ist, dass wir all diese Dinge abbilden können. Wir sehen ziemlich schnell, ob eine Person authentisch ist oder nicht. Daher ist das Medium Video für mich aktuell die beste technische Möglichkeit zur Darstellung persönlicher Kommunikation.

Die von Ihnen gegründete Internetplattform whatchado.com hilft Jugendlichen mit genau diesem Mittel. Können Sie das Prinzip kurz erklären?

Whatchado wurde 2012 gegründet. Die Idee hatte ich schon als Kind. Ich wollte damals eine Art Handbuch mit Lebensgeschichten. Menschen sollten darin erzählen, wer sie sind und was sie tun. Das Prinzip kennt man: In der Schule reichte man Poesiebücher oder Freundschaftsbücher rum. Schließlich hatte man ein Buch mit Infos zu jedem Mitschüler. So etwas wollte ich vom Arbeitsmarkt. Alle Menschen sollten die gleichen Fragen zu ihrem Job, zu ihrem Werdegang, den schönen Seiten und den harten Seiten ihrer Stellung beantworten – egal ob Präsident, Azubi, Lehrerin oder Quereinsteiger. Dadurch erhalten Jugendliche authentische Einblicke in die Arbeitswelt und können sich besser orientieren. Whatchado ist quasi das Handbuch, das ich in meiner Kindheit erdacht habe, in digitaler Form. Mittlerweile gibt es mehr als 7.000 Interviews von Menschen aus über 100 Nationen. Wir erreichen monatlich über drei Millionen Nutzer und beschäftigten über 40 Personen.

Schlagen Sie mit der Plattform nur eine technische Brücke in die Berufswelt oder auch eine arbeitskulturelle?

Die Technik ist in der heutigen Welt nur sekundär, weil wir unweigerlich von ihr umgeben sind, mitunter geradezu von ihr erschlagen werden. Es geht eher um die Weisheiten, wie wir diese Möglichkeiten nutzen. Mein Ziel bei Whatchado war immer, zu zeigen, dass alle Menschen gleich sind, egal ob wir den Präsidenten, einen CEO, den Vorstand eines großen Konzerns, einen Quereinsteiger oder einen Lehrling interviewen. Wir stellen jedem die gleichen Fragen – und zwar auf Augenhöhe: Jeder bekommt die gleiche Zeit, sich zu artikulieren und sich auszudrücken. Es geht also um die Menschen hinter dem Jobtitel. Diese ändern sich. Wenn wir die Geschichte einer Person hören, dann erhalten wir auch Aufschluss über ihre Motivation sowie die Unternehmenskultur. Ich behaupte: Wenn man sich zehn Video-Interviews von einem Unternehmen ansieht, bekommt man ein sehr gutes Bild über die Arbeitsatmosphäre und kann abwägen, ob man dort sein berufliches Zuhause sieht. Klar können Menschen sich auch im Video verstellen, aber das merkt man.

Warum ist das Konzept Storytelling zentral, um Menschen zu erreichen?

Storytelling ist ein wunderbares Wort, aber gleichzeitig ist es nichts anders als eine Abbildung dessen, wie wir Menschen funktionieren. Wir haben schon immer durch Geschichten gelernt. Was gut und was böse ist beispielsweise durch die Märchen der Gebrüder Grimm. Wir merken uns auch Daten und Fakten besser anhand von Geschichten. Wir bauen Eselbrücken, setzen damit Anker in unseren Gehirnen. Sieht man sich die Funktionsweise des Gehirns an, merkt man, dass es nicht nur um nackte Fakten geht, sondern auch um Gefühle. Bilder und Emotionen gehören zu den stärksten Möglichkeiten, um Information abzuspeichern. Geschichten sind nichts anderes. Sie platzieren in unserem Kopf eine Information eingepackt in eine Welt, die wir gut ablegen können. Vor diesem Hintergrund ist Storytelling heute extrem zentral. Die klassische Faktenorientierung ist vorbei. Menschen konsumieren jeden Tag 20.000 bis 35.000 Botschaften und alle diese Botschaften stehen in Konkurrenz zueinander: der neueste Spiderman-Film mit dem aktuellen Vorstandsbericht. Aufmerksamkeit ist quasi das neue Gold. Man muss sie sich erarbeiten. Wer gutes Storytelling betreibt, der setzt sich als erstes mit der Zielgruppe auseinander und versteht deren Lebenswelt. Wenn man dort seine Botschaft plausibel und authentisch platziert, dann ist es fast unmöglich, nicht gehört und gesehen zu werden.

Inwiefern eignet sich dieses Format für Unternehmen in der Nachwuchsgewinnung?

Whatchado arbeitet mit hunderten Unternehmen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Ländern zusammen. Der Tenor in Sachen Nachwuchsgewinnung geht in die Richtung, dass die Jugendlichen das Gefühl haben, sie können alles in dieser Welt machen, aber wissen nicht, was es gibt. Selbst große Unternehmen wie Siemens haben das Problem: jeder kennt die Marke, trotzdem kommen junge Menschen nicht auf die Idee, sich zu bewerben, weil sie nicht wissen, welche Jobs es dort gibt. Bei Whatchado kannst du dir als Jugendlicher konkret ansehen, was es gibt. Du siehst beispielsweise, dass dort auch kreative Personen arbeiten, obwohl du vorher dachtest, Siemens sei nur pure Technik. Als Mädchen siehst du, dass es ganz tolle Ausbildungsstellen gibt, von denen du annahmst, die seien nur was für Jungs. Wenn du mit Social Media und digitaler Kommunikation aufgewachsen bist, dann ist das Medium Video, aber auch authentisches Storytelling das A und O der täglichen Kommunikation. Whatchado deckt diesen Bereich ab. Wir sehen, dass Unternehmen zur Nachwuchsgewinnung auf uns setzen.

Viele Betriebe beklagen, Bewerber seien nicht ausreichend auf das Berufsleben vorbereitet. Sie waren Lehrer und sind als EU-Jugendbotschafter nah dran an der Zielgruppe. Teilen Sie diese Sicht oder achten Personaler auf die falschen Qualifikationen?

Junge Menschen sind heute genauso gut auf die Arbeitswelt vorbereitet wie früher. Das Problem ist nur, dass die Arbeitswelt heute ganz anders ist als das, was die Jugendlichen zuhause hören.

Also eher unterschiedliche Erwartungshaltungen?

In meiner Jugend gab es noch das Paradigma des lebenslangen Arbeitsgebers. Jemand der heute in Europa die Schule beendet, also auch jedes Kind in Deutschland, wird bis zur Rente zehn verschiedene Anstellungsverhältnisse haben. Das heißt, einen lebenslangen Job gibt es längst nicht mehr. Auch nicht die Rente, von der die Großeltern als Lebensziel erzählt haben. Da diese Sicherheitsmechanismen nicht mehr existieren, sehen Jugendliche auch keinen Sinn, zu schuften wie damals. Zuhause hören sie aber: sucht euch etwas Sicheres, euch soll es besser gehen als uns. Das sind überholte Glaubenssätze, die die Jugendlichen in einer Welt voller Wohlstand unter Druck setzen. Hinzu kommt, dass sie von ihren Eltern oft nicht die Chance erhalten, eigene Erfahrungen zu machen und durch die Bespielung aus dem Internet ungeduldig sind. In der Arbeitswelt, in der man sehr wohl Geduld benötigt oder die Fähigkeit tiefe Beziehungen einzugehen, prallen diese Lebenswelten aufeinander. Die Unternehmen sagen dann: die Menschen sind nicht mehr loyal, die hauen nicht mehr rein, alle wollen Work-Life-Balance. Kein Wunder: In einer Welt, in der der Arbeitgeber selbst keine lebenslange Garantie oder die Perspektive auf die Führungsposition in vielleicht 25 Jahren mehr geben mag oder kann, würde ich auch nicht jeden Tag nur schuften wollen. Die Jugendlichen sind nur das Ergebnis ihrer Umwelt. Sie sitzen zwischen vielen Stühlen.

Welche konstruktiven Schnittmengen können sich in diesem Umfeld bilden?

Unternehmen, die die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Arbeitswelt verstehen, können das Beste daraus machen. Es gibt Konzerne wie Bosch, die ältere Mitarbeiter und sogar Pensionisten mit jungen Mitarbeitern in Projekten zusammenzuführen. So lernen diese Tugenden wie Geduld und Gelassenheit, können auf das Wissen und die Erfahrung der älteren zurückgreifen. Diese lernen wiederum ganz viel von der Dynamik der Jugendlichen. Diese Mischung wird es sein, die Unternehmen hilft, flexibel zu bleiben am (Arbeits-) Markt und sich kontinuierlich zu verändern. Die Kunden, heute und morgen, sind ja schließlich Teil der gleichen Lebenswelten.

Wie lässt sich dieses Konzept in der Praxis leben?

Es geht nur, wenn man versteht, dass jeder einzelne Mensch im Unternehmen mindestens eine Sache weiß, die alle anderen nicht wissen. Wenn man sich diesem Glaubensmodell öffnet, kann man viel gewinnen. Erst wenn man Raum zur Entfaltung gibt, erhält man Einblick, was draußen in der Welt gerade abgeht. Bildet man diese intern ab, schafft das sehr große Vorteile: es zeigen sich Talente, Potenziale und Kreativität gemäß der Maslowschen Bedürfnispyramide. In dieser Welt der Selbstverwirklichung leben wir heute. Das kann man am Fachkräftemangel ablesen: Einige Unternehmen finden niemanden, andere, die genauso groß sind, kennen das Problem gar nicht. Das sind meist die, die Jugendlichen gut integrieren und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Sie machen nicht ständig Vorhaltungen und sagen, was falsch läuft. Sie verstehen, dass diese Jugendlichen nicht schlecht aufs Berufsleben vorbereitet sind, sondern in Einstellung und Erwartung die Summe ihrer Umgebung, in die sie hineingeboren wurden. Fokussiert man sich auf die Stärken und lässt den Nachwuchs sich selbst ausdrücken, kann es eine fruchtbare Beziehung werden.

Sie hatten nach eigenen Angaben über 40 Jobs. War einer mit Holz dabei?

Ja. Ich habe eine Höhere Technische Lehranstalt für Hoch- und Tiefbau besucht und viel mit Holz gearbeitet. Meine ersten Jobs waren alle auf Baustellen, da habe ich gezimmert und Dachstühle entworfen. Das heißt, Holz ist eine Sache, die mir durchaus nicht fern ist.

Auf Ihrer Visitenkarte steht heute unter anderem Chief Visionary, Chief Storyteller, EU Jugendbotschafter, EU Ambassador for the new narrative. Haben Sie spontan eine Idee, wie man den Beruf des Holzbearbeitungsmechanikers hipper betiteln könnte?

Erstmal zu meiner Visitenkarte. Es reicht, wenn die Leute sagen, das ist der Ali. Ich versuche diese ganzen Jobtitel wegzudrücken. Die habe ich eigentlich alle von anderen bekommen. EU-Jugendbotschafter und EU Ambassador wurde mir von der EU-Kommission verliehen. Nun zum Holzbearbeitungsmechaniker. Der Holzfäller ist im Englischen ja der Lumberjack. Jemand der das Holz bearbeitet könnte der Lumberchecker sein, also jemand der der sich wirklich mit der Materie auskennt. Aber die ganzen Anglizismen haben dem Jobmarkt eher geschadet. Es gibt weltweit aktuell 100.000 Jobtitel, die keiner kennt. Ganz viele verwirren junge Leute, da tut man sich keinen Gefallen. Ich erinnere mich an eine Stellenanzeige für einen ‘Engagement Manager for Special Projects’… Kein Wunder, dass sich da kein Mensch bewirbt, wer soll das kennen? Insofern ist es vielleicht cool, den Jobtitel zu lassen, vielleicht deutsch ein bisschen attraktiver zu machen. Wichtiger wäre aber in der Beschreibung des Jobs reinzuschreiben, wie sich dieser auf das Leben anderer auswirkt und ihm damit Sinn zu verleihen. Das große Warum interessiert junge Leute eher. Wer Kontext schafft, kann man mehr erreichen.

Jüngst haben Sie gemeinsam mit dem Zukunftsinstitut den “Work Report 2019” veröffentlicht. Darin beschreiben sie die “New Work”, eine neue Epoche der Arbeit. Was wird diese kennzeichnen? Woran erkennen wir das schon heute?

Die neue Epoche der Arbeit ist eine, die aus der Industrialisierung entstand. In der ging es darum, zu schuften, zu arbeiten, zu leisten, Wohlstand zu schaffen, Dinge aufzubauen. Sie war notwendig, um da hinzukommen, wo wir heute sind. Aber heute geht es um neue Ideen. Es geht darum, die Weisheit der Kollaboration zu entdecken. Es gab noch nie so viele Generationen unter einem Dach: Wie bringen wir diese zusammen? Es geht auch darum, wie wir mit Stress und gefühltem Stress umgehen; Konzepte der Achtsamkeit als Pfeiler einer Arbeitskultur etablieren. Es geht darum, zu verstehen, innovative Lösungen zu kreieren. Denn die entstehen nicht, wenn der Chef sagt, dass Neues zu entstehen hat oder wir acht Stunden vor dem Computer sitzen. Sie entstehen, wenn wir unseren Gedanken die Möglichkeit geben, sich zu entspannen. Die besten Ideen hat man ja bekanntermaßen unter der Dusche. Einen Zustand des Nichtstuns aber wirklich proaktiv in einem Unternehmen zu steuern, das ist eine hohe Kunst. Denn dafür müssen gewachsene Glaubenssätze hinterfragt werden.

Was schlagen Sie vor?

Die große Kennzeichnung der New Work ist der Faktor Mensch und dessen Potenzialentfaltung. Es sollten Spielfelder geschaffen werden, in denen Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu animieren, Kreativität und Lernlust zu erlangen – und zwar die, die sie als Kind schon hatten. Gehen und Sprechen haben wir aus der inneren Lust heraus gelernt, sind am Tag hunderte Male auf die Schnauze gefallen und haben einen Fehler nach dem anderen gemacht. Nur in der Schule haben wir irgendwann gelernt: mach null Fehler und du bist gut. Die Kunst der Unternehmen ist, den Mitarbeitern diese Angst wieder zu nehmen und sie dazu zu bringen, sich als Teil des Ganzen zu betrachten: Ich bin nicht nur hier, um auszufüllen, sondern um selber mitzudenken und mich einzubringen. In diesem Umfeld ist es okay, mal nicht acht Stunden am Computer zu sitzen und einfach auch mal nichts zu tun. Es gibt wissenschaftliche Daten und Untersuchungen, die dieses Konzept stützen


Quelle: Ali Mahlodji